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25.07.2008 12:22 Uhr 0 Kommentare
Sigur Rós: Weniger ist manchmal mehr
Hamburg (dpa) Das Quartett Sigur Rós galt lange Zeit als Garant für so schöne wie zugleich versponnene und ernsthafte Musik. Mit ihrem fünften Studioalbum sorgen die Isländer für eine Überraschung.

Nackt über die Straße: Sigur Rós.

Das neue Album mit dem schwierigen Titel «Með suð í eyrum við spilum endalaust» enthält erstaunlich helle und sorglose Momente, wie man sie von Sigur Rós nicht unbedingt zu hören erwartete.

Islands Musiklandschaft ist mit allerlei Klischees behaftet und fährt im Grunde gut damit. Ein bisschen versponnen und mit dem Hang zur sorgfältigen künstlerischen Inszenierung versehen, ein wenig schräg und distanziert vom üblichen Popgeschehen der europäischen und amerikanischen Pop-Metropolen kommen die erfolgreichsten isländischen Musiker daher. An der Spitze in Sachen Erfolg und Popularität steht nach wie vor die Künstlerin Björk. Als etabliert und von vielen Fans nahezu kultisch verehrt folgt ihr das Quartett Sigur Rós inzwischen auf dem Fuß.

Die Band selbst beschreibt ihren musikalischen Stil als Slo-Mo-Rock. Andere Genres, denen sich Sigur Rós zuordnen lassen, sind Postrock, Shoegaze und am Rande auch Dreampop. Letztendlich machen der Hang der vier Musiker zu epischen und von klassischer Musik beeinflussten Strukturen und die gelegentliche Verwendung einer Kunstsprache Sigur Rós zu einer Band, die sich nur schwer in gängige Kategorien einsortieren lässt.

Mit ihrem neuen Album «Með suð í eyrum við spilum endalaust» haben Sigur Rós einiges anders gemacht als zuvor. Die neue Platte der Band ist die erste, die nicht komplett auf Island aufgenommen wurde. Diesmal sind Sigur Rós zusätzlich nach London, New York und Havanna gereist, um ihre neuen Stücke einzuspielen. Offenbar hat das Reisen Sigur Rós ein wenig aus dem alten, erfolgreichen Trott gerissen: Auf «Með suð í eyrum við spilum endalaust» macht sich zumindest in der ersten Hälfte eine Stimmung breit, die gemessen an Sigur Rós' Verhältnissen ausgesprochen heiter und gelöst klingt.

Kürzerer Songs, deutlichere Hook-Lines und eine straffere Inszenierung der Ideen sind die Merkmale, die Sigur Rós zunächst unerwartet zugänglich machen, ohne auf die spezielle Art von ätherischer Stimmung zu verzichten. Tatsächlich haben die strafferen Stücke, mit denen Sigur Rós ihr Album eröffnen, das Zeug, selbst diejenigen zu überzeugen, denen die Isländer stets ein wenig zu dick aufzutragen schienen. Dass Sigur Rós mit «All Alright» sogar den ersten englischsprachigen Song ihrer Karriere aufgenommen und auf dem neuen Album untergebracht haben, dürfte ebenfalls die Gefälligkeit der ungewöhnlichen Band steigern.

Tatsächlich klingen Sigur Rós auf ihrem neuen Album am allerbesten, wenn sie die Weisheit beherzigen, dass weniger manchmal einfach mehr ist. Auch wenn passionierte Fans und Freunde unmissverständlicher Klischees von der isländischen Band schlichtweg Ideen wie den Einsatz eines Orchesters und eines Chors erwarten, sind es nicht diese Standardinszenierungen von Opulenz, die Sigur Rós zu einer beeindruckenden Band machen. Angesichts der neuen Platte könnte man sogar glatt das Gegenteil behaupten, denn die aufwändigsten Stücke entpuppen sich hier in der Tat als die schwächsten Nummern.

Dass Sigur Rós spezielle ätherische Ästhetik zusammen mit einer neuen und lichteren Lässigkeit noch größere Kreise zu ziehen scheint als zuvor, beweisen die Chartplatzierungen des neuen Albums. In ihrer Heimat schafften es die Isländer mit «Með suð í eyrum við spilum endalaust» auf die Spitzenposition. In fünf weiteren Ländern konnte sich die Platte in den Top 5 platzieren. Hierzulande gibt sich die Hörerschaft noch verhaltener - eigentlich schade. Auf «Með suð í eyrum við spilum endalaust» gibt es viel zu entdecken, aber zum Glück nicht zu viel.


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