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Lebensader ihres Tals ist der Fluss Otra: Wer seinem Lauf vom Wintersportort Hovden bis zur Küstenstadt Kristiansand folgt, versteht ein bisschen besser, warum die Menschen im Setesdal hier bleiben wollen. Hier, wo an den hellen Sommerabenden die Stille groß und greifbar wird, weil da nichts ist, was die Menschen ihr entgegengesetzt haben.
Nicht der schlechteste Weg, dieses Tal zu erkunden, in dem so viele Traditionen noch lebendig sind, ist eine Radtour. Mit dem Bus kommen Reisende bis Hovden und können dort die Räder leihen, die am Ende der Tour von Kristiansand aus zurückgeschickt werden. Die ausgeschilderte»Nationale Fahrradroute 3« führt nicht immer über eigens angelegte Radwege. Oft müssen sich die Sportler die Straße mit Autos teilen: Viele haben in den Sommermonaten ein deutsches Kennzeichen; vor allem mit dem Wohnwagen kommen Deutsche hier an.
Die Strecke von oben aufzurollen ist für Radler eine gute Idee: Denn Hovden liegt 800 Meter über dem Meeresspiegel, Kristiansand ist eine Hafenstadt. Das heißt jedoch nicht, dass es auf den gut 200 Kilometern zwischen Ziel und Start keine Steigungen mehr gibt. Norwegen lässt sich nicht in Schablonen pressen. Und schon gar nicht in Geraden.
Die Reisesaison ist selbst im Süden des Nordlands sehr kurz. Wer hier zwischen Ende Juni und Mitte August radelt, wandert, angelt oder Golf spielt, braucht wind- und wasserfeste Kleidung und sollte nicht zu fest darauf bauen, einen Sommerurlaub zu erleben. Mehr noch: In Hovden ist Schneefall noch im Juni nicht ungewöhnlich.
Wenn die Sonne doch herauskommt, prahlt das Land mit seiner rauen Schönheit: Mit tiefgrün bewaldeten Bergen, eisblauen Seen und glitzernden Wasserfällen, die an steilen Felswänden wie zufällig hinabstürzen. Am sandigen Ufer des Byglandsfjords laden dann zahlreiche Badeplätze ins knackig kalte Wasser, auf den Wiesen schaukeln bunt die Sommerblumen; an die Hügel schmiegen sich windschief die alten Vorratsscheunen, die mancher Hofbesitzer im Originalzustand belassen hat. Denn die Talfahrt bleibt immer auch eine Reise durch die Geschichte und Kultur der Region. Wer radelt, kann absteigen und Einblicke gewinnen – bei jedem Wetter.
Auf dem Weg liegt zum Beispiel die Hofanlage Rygnestad, gut neun Kilometer nördlich des Ortskerns von Valle. Die ältesten Teile der Anlage stammen aus der Zeit um 1350; bis Mitte der 1920er Jahre haben auf diesem Hof noch Menschen gelebt. Besucher von heute staunen vor allem über das dreigeschossige Speicherhaus, das Rygnestadloftet. Dort hängen noch immer die mittelalterlichen Wandteppiche, die Bauer, Soldat und Gutsbesitzer Vonde Åsmund Rygnestad vor Jahrhunderten von seinen Feldzügen auf dem europäischen Festland mitgebracht hat.
Rund 90 Kilometer weiter im Süden hat Reidar Kjetså bei Evje einen ganz anderen Teil der südnorwegischen Kultur bewahrt und das stillgelegte Flaat-Nickelbergwerk – die einstmals größten Nickelgrube Nord-Europas – für Touristen hergerichtet.
Wem es hier unten zu kühl ist, den führt Reidar Kjetså gern auf den nahe gelegenen Mineralpfad: Rund 65 verschiedene Minerale kommen in diesem Steinbruch vor und warten auf einen Finder. Erwachsene werden hier schnell zum Kind und Kindern bestätigt Reidar ihre Schatzsuche sogar in einer kleinen Urkunde.
Einzig die schönsten und größten Steine, die Reidar Kjetså auf dem Mineralpfad findet, sollen für alle zugänglich bleiben. Sie kommen in den Mineralpark in Evje, wo sie mit Kristallen und Edelsteinen aus aller Welt gezeigt werden.
Wenn es schließlich Nacht wird im Setesdal, wagen sich die Elche aus den Wäldern hervor. Einer, der genau weiß, wo sie grasen, ist Olav Neset. Sobald er im Halbdunkel eines der großen Tiere entdeckt hat, lässt er den Motor in seinem Kleinbus laufen: Denn erst wenn er ihn abstellt, flüchtet der Elch mit erstaunlich grazilen Bewegungen. Olav Neset garantiert seinen Gästen, dass sie einen Elch sehen werden, obwohl er die Eigenheiten der Paarhufer durchaus kennt: »Wenn es geregnet hat bewegen sie sich kaum«, weiß Neset.
Doch mit Regen rechnen muss jeder, der den Weg nach Norden geht. Denn ohne Regen wäre das Setesdal nicht das, was es bis heute ist: Verwunschene Heimat der Trolle, immergrüne Spielwiese unendlich freier Gedanken; stille Welt zwischen Fjord und Berg – das weite Herz von Südnorwegen. (Reisebericht und Fotos: Moni Münch)




























